Pädagogik

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Den Lernraum verstehen

04 Juli 2008
Wie unterstützen Schulen durch den Einsatz digitaler Technologien erfolgreich die Personalisierung des Lernens? Das Forschungsprojekt, von dem hier berichtet wird, ergründet die Beziehung zwischen digitalen Technologien und den aktuellen Bemühungen um die Gewährleistung einer persönlicheren Lernerfahrung. Es werden Empfehlungen gegeben, die zu einem besseren Verständnis der Lernräume und einer besseren Nutzung digitaler Technologien beitragen sollen.
Wir beginnen mit der Vorstellung eines beschreibenden Modells der Beziehung zwischen Lernern, den Bildungsräumen, in denen sie handeln, und digitalen Technologien. In diesem Zusammenhang identifizieren wir vier Schlüsselräume (persönlicher Lernraum, Lehrraum, Schulraum und Lebensraum), die sich auf das Bildungserlebnis von Lernern auswirken. Das Verständnis dieser Räume ist gegenwärtig nicht gut, wodurch ein großer Teil des informellen und formellen Lernens von Kindern nicht erkannt und nicht bewertet wird.

Im Anschluss testen wir die Gültigkeit dieses Modells anhand der Ergebnisse diverser nationaler Forschungsprojekte, die ausnahmslos einen Methodenkombinations-Ansatz verwendeten, um in Gruppendiskussionen, Interviews und Umfragen sowie aus nationalen Datenbeständen zu Lernerleistungen qualitative und quantitative Daten zusammenzutragen. Die hier verwendeten Daten stammen aus den Fallstudienberichten und umfassen Klassenraumbeobachtungen sowie Kommentare aus erster Hand von Lehrkräften, Verantwortungsträgern und Lernern. Wir analysieren die Bedeutung dieser Daten und dieses Modells für unser Verständnis davon, wie digitale Technologien effektiv in der Bildung eingesetzt werden können.

Im traditionellen Bildungsmodell wurde die Gestaltung des Lernraums im Wesentlichen von der betreffenden Bildungseinrichtung und der Lehrkraft kontrolliert. Die physischen Merkmale des persönlichen Bildungsraums kann noch immer von Lehrkräften und Einrichtungen beeinflusst werden, die Gestaltung dieses Raums und der Technologieeinsatz liegen nun jedoch in den Händen der Lerner. Um effektives Lernen gewährleisten zu können, ist es erforderlich, die Bedeutung der verschiedenen Räume bei der Personalisierung des Lernens zu verstehen und auf die Wahrnehmungen und Verhaltensweisen der Lerner einzugehen.
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Dossiers von elearningeuropa.info - Hochschulbildung: Virtuelle Universitäten und IKT im höheren Bildungswesen Europas

27 April 2006
In den letzen zehn Jahren hat das Phänomen der Online-Universitäten ein starkes Interesse gewonnen. Die Aussicht eines „virtuellen Campus“, auf dem Studenten von verschiedenen Orten aus sich untereinander und mit den Lehrkräften austauschen und zusammen studieren und arbeiten, beinhaltet neue Herausforderungen und Chancen für die höheren Bildungseinrichtungen.
Einen virtuellen Campus zu schaffen und wirksam zu gestalten, erfordert ein Mindestmaß von administrativer Unterstützung, strategischer Planung, technischer Lösungen, Motivation von Lehrern und Studenten, Bildungsvision und Online-Inhalten. Noch wichtiger ist aber, dass es verschiedene Wege für die Universitäten und die einzelnen Staaten gibt, um ihre e-Learning-Strategien an den Universitäten durchzuführen.

Wie die Virtual University der UNESCO erklärt: „Durch die Benutzung der IKT kann die Universität den Studenten nicht nur eine größere Flexibilität bieten, sondern auch Studenten außerhalb ihres üblichen Einzugsgebiets erreichen. Die Institutionen müssen dazu allerdings angemessene Verfahrensweisen entwickeln und anwenden und diese neue Lehr- und Lernweise effizient planen und verwalten.“

Die Redaktion von elearningeuropa.info hat einige Artikel zu diesem Thema zusammengestellt, die zu einem früheren Zeitpunkt in diesem Portal veröffentlicht wurden. Sie können hier Artikel über die Implementierung des e-Learning an höheren Bildungseinrichtungen in verschiedenen europäischen Ländern finden.

Hochschulbildung / Bildungsmodelle
Die Studie "Virtuelle Modelle europäischer Universitäten“, die in den Jahren 2002-2003 vom dänischen Beratungsunternehmen Rambøll Management im Auftrag der Europäischen Kommission und des dänischen Kultusministeriums durchgeführt wurde, analysiert die gegenwärtige und potentielle Nutzung der IKT für Bildungs- und Organisationszwecke von Seiten der europäischen Universitäten. Die Studie unterscheidet zum Beispiel zwischen verschiedenen Gruppen in Hinblick auf die Nutzung der IKT im Organisations- und Bildungsrahmen: Spitzenreiter-Universitäten, kooperierende Universitäten, selbstgenügsame Universitäten und skeptische Universitäten. Für eine Zusammenfassung der Studie klicken Sie bitte hier  en   de   es   fr    it

Medizinische Soziologie / Cambridge (GB)
Tom Davies, von der Fakultät für öffentliche Gesundheitsfürsorge und medizinische Primärbetreuung, beschreibt, wie er mit dem e-Learning begann und welche Ergebnisse er damit erzielt hat. Die Verwandlung von Vorlesungen über medizinische Soziologie in Online-Kurse hat verschiedene Fragen bei Lehrkräften und Studenten aufgeworfen. Lesen Sie bitte den vollständigen Artikel: "Some Personal Thoughts from a 'Traditional' Academic Moving Towards e-Learning” (en). Erstveröffentlichung: 10. März 2003.

Bedürfnisse und Kompetenzen / Irland
Jim Devine schreibt über die Herausforderungen, die sich dem höheren Bildungswesen im Anpassungsprozess an die Informationsgesellschaft stellen. Am Beispiel der irländischen Hochschulen zeigt er verschiedene Tendenzen auf und erläutert den gegenwärtigen Stand der Dinge. Lesen Sie bitte den vollständigen Artikel: "Major Challenges Facing the Higher Education System in the ICT Era” (en). Erstveröffentlichung: 30. April 2005.

Regierungsinitiativen / Deutschland
Bernd Kleimann und Klaus Wannemacher beschreiben, wie das e-Learning an deutschen Universitäten eingeführt wurde. Der Artikel bietet eine Zusammenfassung der wichtigsten Finanzierungsstrategien, der Unterstützungsprogramme des Bundes und der Landesregierungen sowie der Hindernisse, die hinsichtlich der Durchführung festgestellt wurden. Lesen Sie bitte den vollständigen Artikel: "e-Learning at German Universities: from Project Development to Sustainable Implementation” (en). Erstveröffentlichung: 5. September 2005.

Regierungsinitiativen / Finnland
Im Rahmen des strategischen Informationsplans für Bildung und Forschung (2000-2004) des finnischen Kultusministeriums haben 21 finnische Universitäten die Finnish Virtual University (FVU) gegründet. Diese Einrichtung koordiniert die Arbeiten, allerdings finden die meisten Aktivitäten entweder in den Universitäten statt oder es handelt sich um Gemeinschaftsprojekte. Lesen Sie bitte den vollständigen Artikel: "Finnish Virtual University: An Example of the Use of ICT to the Full in Educationen  es. Erstveröffentlichung: 28. Juni 2005.

Unabhängige Initiativen / Polen
Wojciech Zielinski, von der Polish Virtual University, beschreibt die ersten entschiedenen Schritte zur Durchführung des e-Learning im höheren Bildungswesen des Landes. Die e-Learning Services wurden bisher praktisch ohne staatliche Unterstützung aufgebaut, was schon bei der Bestimmung des Begriffs des e-Learning begann. Lesen Sie bitte den vollständigen Artikel: "e-Learning in Poland: experiences from higher education” (en). Erstveröffentlichung: 6 Juni 2005.
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"Deutsche Schüler widmen ihre nachmittage immer mehr dem lernen mit Neuen Medien"

13 Mai 2005
In Deutschland ist der Bildungsbereich derzeit im Umbruch. Durch die höhere Stundenzahl, die sich mit der Einführung von Ganztagsschulen ergibt, soll der Einsatz von IKT in den Schulen gestärkt werden.

Derzeit schließt die Mehrheit deutscher Schulen mittags gegen eins, doch mit der Einführung von Ganztagsschulangeboten soll die Öffnung der Schulen bis 5 Uhr ermöglicht werden. Die Schüler werden mehr Zeit im Unterricht in der Schule verbringen und seitens des Ministeriums befürwortet man Konzepte, die in dem Rahmen den Einsatz der Neuen Medien verstärken sollen. Das letzte Wort hierzu haben die Landesministerien, doch die Tendenz zum IKT Einsatz ist eindeutig positiv.

Über diese Themen haben wir mit Ursula Esser gesprochen, sie ist verantwortlich für den internationalen Bereich bei Schulen ans Netz, eine Intitiative, die 1996 mit dem Auftrag betraut wurde, 34.000 Schulen zu vernetzen. Nachdem dieses Ziel erreicht ist, entwicklet Schulen ans Netz nun pädagogisch-didaktische Inhalte, die das Lernen mit Neuen Medien fördern, um den Lehrkräften den praktischen Einsatz von Computer und Internet im täglichen Unterrichtsalltag zu erleichtern.

Wie wird man das Mehr an Stunden neu organisieren und füllen?
Wir wollen spezielles Material anbieten, das die Lehrkräfte mit ihren Schülerinnen und Schülern am Nachmittag einsetzen können. Außerdem werden oftmals die Lernenden am Nachmittag nicht in ihren normalen Klassen unterrichtet sondern in AGs und kleineren Projektgruppen. Wenn ein Schüler beispielsweise Probleme mit Mathematik oder Fremdsprachen hat, kann er hierzu am Nachmittag spezielle Kurse besuchen. Dies können die Schüler dann mittels Neuer Medien tun und so gleichzeitig Medienkompetenz aufbauen.

Wie organisieren Sie den Aufbau von IKT Kenntnissen?
Wir befürworten das Arbeiten mit Medienkonzepten. Das heißt, die Schülerinnen und Schüler dokumentieren ihre Medienkenntnisse in einer Art Portfolio, so dass ein neuer Lehrer beispielsweise sehen kann, welche Fertigkeiten die Klasse besitzt, um darauf neue aufzubauen, sei es Mathematik und Excel oder bestimmte Hilsfunktionen von Word für den Sprachenbereich. Außerdem bekommen die Schüler am Ende der Schulzeit ein Zertifikat über die erworbenen Fertigkeiten.

Welche Fortbildungen bieten Sie den Lehrkräften an?
Das Durchschnittsalter deutscher Lehrkräfte ict relativ hoch und es gibt einen gewissen Widerstand gegen den Einsatz Neuer Medien. Manchmal sind die Schüler sicherer im Umgang mit den Neuen Medien als ihre Lehrer, was zu Konflikten führen kann. Andere Lehrkräfte sehen den Mehrwert der neuen Medien für ihren Unterricht nicht. Unsere Aufgabe ist es deshalb, deutlich zu machen, worin dieser Mehrwert besteht. In dem Zusammenhang haben wir das Angebot der Weblotsen, ein Team, das Fortbildungen anbietet, zunächst taten sie dies in den einzelnen Bundesländern direkt an den Schulen, inzwischen sind es mehr sog. Multiplikatorenschulungen, also Angebote für Schulleiter, Medienbeauftragte der Schulen, etc. Sie können dann wiederum das Kollegium fortbilden.

Ich nehme an, Sie bieten auch sehr spezifische Fortbildungen an?
Ja, wir haben 1 bis 2 Tagesschulungen für Lehrkräfte, die sich an der eTwinning Aktion beteiligen und lernen, Austausch mittels Neuer Medien zu realisieren. Wir zeigen ihnen, wie sie mit virtuellen Werkzeugen arbeiten, eine Webseite gestalten. Im nächsten Teil geht es dann um interkulturelle Fähigkeiten, die sie bei binationalen Schulpartnerschaften benötigen. Außerdem gibt es unser großes Portal Lehrer-online, auf dem sich Unterrichtsmaterial für alle Schulfächer und –formen befindet.

Werden die Portale von Schulen ans Netz von vielen Lehrern genutzt?
Tausende Lehrer loggen sich täglich bei uns ein. Und wir haben festgestellt, dass sie unsere Angebote mehr von zu Hause aus nutzen, was bedeutet, dass die Schulen ihnen immer noch nicht die Ausstattung bieten, die sie eigentlich brauchen. Was die Ausstattung angeht, hat Deutschland ein gewisses Maß erreicht, aber es ist einfach noch nicht gut genug.

Ich denke, in Deutschland hat man sich sehr mit der Frage der Chancengleichheit beschäftigt?
Ja, das stimmt. Wir haben beispielsweise das Portal Leanet, das sich an Frauen aus dem Bildungsbereich wendet. Das Portal soll sie zum Gebrauch von Computer und Internet motivieren, es werden Kurse angeboten, Materialien, Informationen zu Entwicklungen im Bildungsbereich, ein e-mail Account und vieles mehr. Außerdem gibt es www.lizzynet.de für Mädchen und junge Frauen, wo sie in Gruppenräumen zu ausgewählten Themen diskutieren können oder ihre eigene Webseite herstellen. Diese Angebote werden sehr gut genutzt.

Sind die Schulen motiviert, digitale Inhalte zu schaffen?
Da in Deutschland die Schülerzahl sinkt, müssen die Schulen sich immer stärker profilieren. Dies fördert beispielsweise auch die Erstellung guter Webseiten. Die weiterführenden Schulen haben eigentlich alle ihren Webauftritt und präsentieren ihre Aktivitäten und Projekte. Wir haben auch ein Angebot für die ganz Kleinen entwickelt, Primolo, mit dem auch Grundschulen ihre Homepage basteln.

Welche Rolle spielt hier die Technik?
Unser Motto ist ‘raus mit der Technik aus den Schulen’! Die Schulen sollen sich mit den pädagogischen Fragen befassen. Wir befürworten es deshalb, wenn sich die Schulen an große Netzwerke ankoppeln, die der Stadt, von Bibliotheken, etc.

Sie sind die Leiterin der Abteilung für Internationales bei Schulen ans Netz. Was können Sie ausländischen Lehrkräften anbieten?
Wir informieren über Entwicklungen und wichtige bildungspolitische Sachverhalte in Deutschland. Außerdem fördern wir den Austausch von Ideen, Know How und neuen Initiativen unter den europäischen Ländern. Es ist wichtig, Bildung und Fortbildung nicht als nationale Angelegenheit zu betrachten.
Schulen ans Netz ist Nationale Koordinierungsstelle für die eTwinning Aktion der Europäischen Kommission und wir unterhalten sehr engen Kontakt mit den Nationalen Koordinierungsstellen in den anderen europäischen Ländern, um Schulen und Lehrkräfte in Kontakt zu bringen. Die Informationen zu unseren Aktivitäten finden Sie auf unseren Seiten auch in englisch, französisch und spanisch.

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„Man überträgt auf die Maschine ein Problem, das durch und durch didaktisch ist und immer didaktisch bleiben wird“

23 August 2004
Roberto Maragliano ist der Schöpfer des Online-Masters „Multimedialità per l’e-Learning“ und des Web-Fernlehrgangs für Fortgeschrittene „La scuola in rete“, Professor für Lehr- und Lerntechnologie bei der Universität Rom III und Verantwortlicher des Labors für audiovisuelle Technologien der gleichen Universität, ferner Autor zahlreicher Fachpublikationen zur Online-Didaktik, darunter – allein 2004 – die Neuberarbeitung des „Nuovo Manuale di didattica multimediale“ und „Pedagogie dell’e-Learning“, beide bei Laterza erschienen. Bei ihm haben wir uns nach dem neuesten Stand der Online-Didaktik erkundigt.

Herr Professor Maragliano, zunächst eine scheinbar banale Frage: Funktioniert e-Learning denn wirklich? Und wenn ja, wie erklären sich dann die alarmierenden Abbrecherquoten bei den Online-Bildungsgängen?

Nun, ich könnte Ihnen die Gegenfrage stellen – funktioniert denn das Präsenzlernen wirklich? Und mit welchem Ergebnis? Mit welcher Abbrecherquote? Das Problem ist doch, dass man heutzutage bei den weitaus meisten menschlichen Aktivitäten überhaupt nicht mehr auf das Netz verzichten kann, weder den materiellen (bzw. mit materiellen Auswirkungen) oder den (nennen wir es so) „geistigen“ Aktivitäten. Es ist daher irrig, anzunehmen, dass man gerade im Bildungswesen auf diese Ressource verzichten könne, und es ist ein Luxus (den wir uns gar nicht leisten können), bei diesem Thema unschlüssig oder voreingenommen zu sein. Hinzu kommt, dass gerade im Bildungswesen das Hauptinstrument nach wie vor ein Medium ist, nämlich das Buch, dem man alles nachsagen kann, nur nicht, dass es an eine Präsenz gebunden sei: Wo ist denn der Autor des Buches, in dem der Schüler studiert, oder aber, wo ist der Lehrer, der dieses Buch zur Unterrichtsgrundlage gemacht hat, während der Schüler darin studiert? Sicher, das Problem der relativ hohen Abbrecherquote bei den Online-Kursen existiert tatsächlich. Es ist durchaus eine Tatsache, die jedoch interpretierungsfähig ist. Und das kann man nicht tun, wenn man nicht auch anderen Fakten Rechnung trägt: Dass nämlich häufig die Online-Kurse nicht gut sind, lediglich die mechanische Umsetzung der für andere Medien konzipierten Inhalte ins Netz; weiter, dass der Grad der Vertrautheit mit dem Netz bei relativ vielen Schülern nach wie vor zu wünschen übrig lässt; dass (auf der Anbieterseite) vielfach der Glaube vorherrscht, dass das Netz nichts anderes als eine bequeme und wirtschaftliche Lösung zur Herstellung und Verbreitung von Lehrmitteln sei und (auf der Empfängerseite) eine gute Gelegenheit, Texte und Bilder und Töne direkt auf den eigenen Schreibtisch zu erhalten. Die Aufzählung könnte noch fortgesetzt werden. Es ist aber klar, dass die Vorzüge des Web ganz woanders liegen. Diese zu erkennen und zu nutzen setzt freilich voraus, unterschiedliche Erwartungen bei der Nutzung des Webs für Bildungszwecke aufzubauen.

Wenn man von e-Learning spricht, ist immer wieder die Rede von Themen wie „Plattformen“, „Standardisierungsformaten“, „Protokollen“. Sicher, die Rolle der Technologie ist durchaus wichtig, meinen Sie aber nicht auch, dass man Gefahr läuft, vor lauter Technologie die Didaktik aus dem Blick zu verlieren?

Ja, es stimmt, man überträgt auf die Maschine ein Problem, das durch und durch didaktisch ist und immer didaktisch bleiben wird. Aber nicht nur das. In der Plattform, in jeder Plattform, verbirgt sich mehr oder weniger ein Bildungsprojekt, ist im Verborgenen eine didaktische Idee wirksam. Es hat also wenig Sinn, über Standardisierung, Protokolle oder auch Plattformen zu reden, wenn nicht entsprechende pädagogische Konzepte zugrunde gelegt werden. So hat beispielsweise die Produktion/Verbreitung von „Learning objects“ derzeit geradezu sagenhafte Dimensionen erreicht und lässt eine „saubere“ Zukunft erahnen, bei der das Netz die Gesamtheit des Wissens für alle zur Verfügung stellen kann durch das Angebot unzähliger unterschiedlich zusammensetzbarer Mosaiksteinchen; gut und schön, aber sind wir denn sicher, dass dieses Ziel auch innerhalb pädagogischer Perspektiven plausibel, akzeptabel und vermittelbar ist, dass man nicht auch jenen „schmutzigen“ Teil berücksichtigen muss, der unvermeidbar den „sauberen“ Teil beeinträchtigt (also den engen Zusammenhang zwischen informellem Lernen, nichtformalem Lernen und formalem Lernen)? Ist es wirklich das, was wir wollen, ein Netz, in dem sämtliche „Learning objects“ diffus sind? Oder anders ausgedrückt: Muss der Techniker mir, dem Lehrer, sagen, wie ich einen bestimmten Lehrinhalt anzubieten habe, mir, dem Autor, wie ich ihn zu organisieren habe, oder sollte es nicht möglich sein, dass für meine Art und Weise, einen Inhalt anzubieten oder zu schreiben, eine adäquate technische Lösung gefunden wird? Noch allgemeiner ausgedrückt: Müssen die Ingenieure uns sagen, wie wir die Online-Kurse und ihre Wirkung im Unterricht zu bewerten haben? Und wenn sie dies tun, und sie tun es ja schon, welche pädagogischen Parameter nehmen sie als Bezugsgrundlage?

Was meinen Sie mit „eine Pädagogik des e-Learning entwickeln“, und warum sprechen Sie in Ihrem neuesten Buch von „Pädagogiken“ (im Plural)?

Aus den gleichen Gründen, die ich in der Antwort auf die vorherige Frage genannt habe. Weil in jeder technischen Lösung eine didaktische Option steckt. Es gibt so viele Lösungen wie Optionen. Daher die „Pädagogiken“ im Plural. Und nicht nur das. Es kann vorkommen, dass sich, wenn man ins Netz geht, neue pädagogische Perspektiven, neue Probleme erkennen lassen, die vorher nicht bekannt oder vollständig untersucht worden waren. Andere Pädagogiken also. All das bewirkt, dass der Plural die Oberhand gegenüber dem Singular gewinnt. Halten wir im Moment Folgendes fest: e-Learning ist eine praktische, vorteilhafte Lösung, eines Problems freilich, dessen Kenndaten wir noch nicht kennen. Wir stehen hier erst am Anfang. Wir kennen Antworten, aber noch nicht die entsprechenden Fragen. Mitunter glauben wir irrtümlich, On-line-Unterricht sei eine virtuelle Version des Präsenzunterrichts. In Wirklichkeit ist es etwas ganz anderes, genau wie der elektronische Handel etwas durchaus anderes ist als die virtuelle Version des „realen“ Handels. Wenn man ihn kennen lernt und mit ihm umgeht, wird einem klar, dass es nicht nur die räumliche und zeitliche Fortsetzung des „erdgebundenen“ Handels ist, sondern auch eine Gemeinschaft, ein Club, also ein Treffpunkt, ein Diskussions- und Austauschforum, wo man nicht nur hingeht um Dinge zu kaufen, sondern auch um Leute zu treffen, Freundschaften zu schließen, sich selbst in den anderen zu erkennen. Paradoxerweise könnte man sogar behaupten, dass der Zugewinn an Menschlichkeit beim virtuellen Handel größer ist als beim realen. Womöglich will demnächst jemand das gleiche auch für den On-line-Unterricht beweisen. Mit welchem Recht verteidigt man dann (beispielsweise an der Uni) die Vorlesungen in den mit 300 Studierenden überfüllten Hörsälen, den Prüfungsstress, die extreme Schwierigkeit eines Dialogs zwischen Dozenten und Studierenden, d. h. „das sogenannte „Live-Erlebnis“?

Genügt es bei der Entwicklung von On-line-Multimedia-Bildungsgängen, wenn man das Netz als neuen Träger der traditionellen Didaktik ansieht, oder bedarf es eines tief greifenden Umdenkens der didaktischen Prozesse in ihrer Gesamtheit?

Aus dem, was ich bisher gesagt habe, ist leicht zu erkennen, dass ich mich für die zweite Lösung entscheide. Die Virtualisierung übt auf unsere Beziehung zur „Realität“ eine Sprengwirkung aus. Die Schrift, das Bild, die Tonwiedergabe reduzieren unsere Perspektiven der Interpretation, der Intervention und der Einwirkung auf die Realität nicht, sondern verstärken sie. Das gleiche gilt auch für die Digitaltechnik. Sie reduziert unsere Einstellung zur Didaktik nicht, sondern verdichtet und problematisiert sie letztlich auch. Der On-line-Unterricht, wenn er ausentwickelt ist, wird sich für den Präsenzunterricht sehr positiv auswirken, da bin ich ganz sicher; er wird ihn flexibler, engmaschiger und „offener“ machen als dies bis heute gelungen ist. Die Simulation setzt in der Tat voraus, dass das, was sich bis gestern unseren Augen als kompakt und untrennbar darbot, zerlegt und in einer Systemlogik beherrscht wird. Wie viele didaktische Funktionen werden wir in der „artifiziellen“ Figur des Lehrers dann aber entdecken? Wie viele Modalitäten des Lernens können wir uns dann erschließen, über diejenigen hinaus, die an die Tradition gebunden sind? E-Learning ist nicht Präsenzlernen ohne Präsenz. Richtiger könnte man sagen, dass Präsenzlernen in den meisten Fällen ein nicht virtualisiertes und damit ein reduziertes Lernen ohne die Ressourcen der Konzeptualisierung und daher ein wenig problematisch ist.

Wie stehen die „traditionellen“ Lehrer zu den neuen Bildungsformen? Und wie ändert sich ihr Beruf mit dem e-Learning?

Es ändern sich viele Dinge, vor allem aber die Perspektive, aus der man die Dinge betrachtet. Es ändert sich die Beziehung zum Schüler, der keine einzelne, autonome und mit den zu erlernenden Inhalten unvorbelastete Realität mehr darstellt, sondern eine Einheit mit der Gruppe bildet, ein Geflecht von Motiven und Kenntnissen, einen Prozess, der in seinem Ablauf die Lehrinhalte involviert, die vermittelt werden. Es ändert sich das Verhältnis zu den Unterrichtsressourcen, die nicht mehr voneinander getrennt, sondern in einer Netzperspektive zusammengeschaltet sind. Es ändert sich auch die Schwerpunktsetzung, nicht nur beim Unterricht und seiner Organisation, sondern auch und vor allem bei dem Lernprozess und seiner individuellen und Gruppendynamik. Das genügt schon, um den „traditionellen“ Lehrer zu desorientieren. Ich denke, dass diese Desorientierung sich auch positiv auswirken kann, vor allem, wenn sie richtig gelenkt und problematisiert wird. Es gibt dabei freilich eine Voraussetzung, die unverzichtbar ist, nämlich die, dass der „traditionelle“ Lehrer sich mit dem Netz vertraut macht, es sozusagen verinnerlicht, und zwar nicht aus beruflichen Gründen, vielleicht weil ein Minister das will, sondern aus ganz persönlichen Gründen. Der Computer muss zuallererst ein persönliches Instrument werden, das genutzt wird, um die eigenen Neigungen und Ansprüche zu kultivieren, mit anderen in Kontakt zu treten, zu spielen, gewissermaßen auch „zu leben“, und erst dann kann er – ja wird er ganz natürlich – zur didaktischen Ressource für den einzelnen Lehrer werden.

Um auf das Verhältnis zwischen Lehrer und Technologie einzugehen – Sie sprachen vor einigen Jahren in Ihrem Beitrag für Telèma von einem Versuch der Lehrer, „die Bestie zu zähmen“, und spielten dabei auf den Versuch an, das Netz in bekannte und traditionelle Leitlinien einzubinden – und nicht sich mit den didaktischen Modellen auf das Netz zuzubewegen. Hat sich die Lage seither geändert, ist die Bestie gezähmt worden, oder hat sie die Oberhand behalten?

Nein, die Bestie lässt sich nicht zähmen, weil sie (ich sage das auch ironisch) im Körper und in der Mentalität der Jugendlichen verinnerlicht ist. Auch wenn wir sie im Laboratorium einsperren, wenn der Jugendliche sie berührt, wacht die Bestie auf. Der traditionelle Lehrer, der die Illusion hat, mit der Informatikstunde und dem kontrollierten Transit im aseptischen Raum eines Laboratoriums alle Probleme zu lösen, gerät dann in eine ausweglose Situation. Aus diesem Grund bin ich gegen die Perspektive einer Ökologie der neuen Medien; lieber spreche ich von einer Ethologie, die der Maschine/dem Biest Gelegenheit gibt, ihr Bestes in ihrem natürlichen Umfeld zu geben. Schule und Universität müssten alles daran setzen, um – zumindest teilweise – zum natürlichen Umfeld bei der Nutzung der neuen (wie auch der alten) Medien zu werden.

Ihr Kollege Mario Morcellini von der Universität La Sapienza behauptet, zu den größten Hindernissen bei der Entwicklung des On-line-Learning gehörten das Beharrungsvermögen der Institutionen und das Fehlen einer auf die Überwindung der kulturellen Barrieren gerichteten Politik. Teilen Sie diese Meinung?

Eigentlich schon, aber die Institutionen werden ja von Menschen geschaffen. Wenn diese sich ändern, ändern sich auch jene. Noch widersetzen sich die Menschen, ich meine die, die mit der Bildung zu tun haben, der Veränderung. Eine Rolle spielt hier auch das „Generationenproblem“: Wir bewegen uns in einer Gesellschaft von Alten, die argwöhnisch und aggressiv die Jugend und ihre Welt betrachtet; spielt hier auch der Neidfaktor einer Rolle? Weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass die Jugend keine „gute Presse“ hat und dass damit auch alle Dinge keine gute Presse haben, mit denen sie umgeht. Das scheint mir kein Beispiel für eine gesunde Sozialhygiene zu sein. Aber ich räume durchaus ein, dass das Thema zu kompliziert ist, als dass man hier darauf eingehen könnte.Dieses Interview wurde veröffentlicht im italienischen Portal /LearningCommunity. Wir danken diesem Portal für die Genehmigung zum Abdruck.